Von Strätern und Brökern - Die Rostocker Warnowfischer

Fischerboote am Fischereihafen (1917)
Fischerboote am Fischereihafen (1917)

Eine jahrhundertealte Tradition lebt fort

Direkt vor den Mauern der Östlichen Altstadt befinden sich die Brüche. Diese drei Straßen tragen ihre Namensendung in Erinnerung an kleine, mittlerweile zugeschüttete Nebenarme der Warnow und auf Grund ihrer niedrigen, von Überschwemmungen bedrohten Lage. Wie bei allen Rostocker Brüchen ist auch die Geschichte des Fischerbruches eng verbunden mit einer historischen Berufsgruppe.

Auf alten Ansichten der Nikolaikirche bilden die Rostocker Bruchfischer und ihre Boote oft nur dekoratives Beiwerk. Sie sollen aber an dieser Stelle mit ihrer Tradition und ihren Booten genauer betrachtet werden.

Schon im späten 13. Jahrhundert weisen schriftliche Erwähnungen erstmals auf das Vorhandensein von Fischern in der Gegend des heutigen Fischerbruches hin. Die Bewohner des Bruches waren oftmals wendischer Abstammung - also Angehörige oder Nachkommen der, bis zu ihrer Zurückdrängung oder Assimilation im Zuge der deutschen Ostexpansion, hier ansässigen Völker.

Jahrhunderte alte Traditionen weisen bis in die heutige Zeit: Der Name einer noch im Fischerbruch lebenden Angehörigen einer alten Fischerfamilie lässt sich hier bis zum Jahre 1472 zurück verfolgen.

Wie bei allen Rostocker Berufsgruppen waren Leben und Arbeiten der Rostocker Fischer genau geregelt: Es gab die Straßenfischer ("Sträter") und die Bruchfischer ("Bröker"). Sie teilten sich die Warnow als Revier wobei die einen vom Fischereihafen am Strande und die Anderen vom Fischerbruch aus den Fluss befischten. Auch die Bruchfischer waren hauptsächlich auf der Unterwarnow tätig.

Nördlich der im Breitling gelegenen Insel Pagenwerder waren dann schon die Warnemünder Fischer zuständig. Obwohl die Stadt Rostock vom Landesfürsten die Unterwarnow mit Fischereirechten erworben hatte, fischten zwischendrin immer wieder auch ein paar Oldendorfer Bauern herum, die nicht zu Rostock gehörten.

Die Rostocker Fischer waren seit dem Mittelalter nicht nur in den beiden "Ämtern" der Straßen und Bruchfischer organisiert – ihr Leben und Arbeiten war in einer "Fischer-Rolle" genau geregelt.

Dort gab es schon Fangvorschriften, welche die Existenz einzelner Fischarten sicherten sollten, sowie Vorschriften zur Führung eines christlichtugendhaften Lebenswandels für den Fischer und seine Familie. In den "Schüttings", den Innungslokalen der Fischer-Ämter, wurde vermutlich trotz aller Tugend mal der eine oder andere über den Durst getrunken. Die Zahl der Fischer der beiden Ämter war genau begrenzt: 1928 waren es je 19 Bruch- und Straßenfischer. Das Gewerbe konnte immer nur an einen Sohn vererbt werden, Einheiraten in eine Fischerfamilie und Aufnahme in eines der Fischer-Ämter war allerdings auch möglich.

Eisernte – Fischerarbeit im Winter

Wenn im Winter die Warnow mit Eis bedeckt war, betätigten sich die Bruchfischer als Eis Säger. Große Platten wurden ausgesägt, auf Peek-Schlitten verladen oder geflößt. Zuvor mussten sie oft noch durch Hobeln geglättet werden. Sie wurden von Firmen wie “Eis-Bölte” in Schuppen gestapelt und an Kunden in der Stadt verkauft. Auch in der Gastwirtschaft "Altstädter Börse" (siehe OSTPOST-Titelbild Ausgabe 23 aus dem Jahr 1912) in der Wollenweber Straße 24 – heute Galerie Wolkenbank – kühlten sie über den Sommer verderbliche Waren. Der Onkel unseres Redaktionsmitglieds Peter Horn betrieb die Gaststätte bis zum Jahr 1960 als Familienbetrieb.

Fischer auf der Unterwarnow mit dem typisch gebogenen Ruder (Türkensäbel)
Fischer auf der Unterwarnow mit dem typisch gebogenen Ruder (Türkensäbel)
Rostocker Fischer bei ihrer Winterbeschäftigung (nach 1900)
Rostocker Fischer bei ihrer Winterbeschäftigung (nach 1900)

Rudern wie die Gondolieri

Die Bruchfischer fuhren bis in die fünfziger Jahre mit traditionellen Booten auf die Warnow. Diese waren durch strenge Zunftvorschriften in ihrer Bauweise über Jahrhunderte unverändert geblieben. Sie hatten sich aus einem Einbaum entwikkelt

und waren leicht asymetrisch. Dies sollte, bei Anwendung einer speziellen Rudermethode, das Boot nicht im Kreise fahren lassen. Der Bootsführer stand mit Blick in Fahrtrichtung am Heck des Bootes und trieb es mit Hilfe eines langen, leicht gebogenen Riemens vorwärts. Diese Rudermethode bedarf etwas Übung und wird in lähnlicher Form auch von den Gondolieris in Venedig angewendet.

Niedergang und Neuanfang

Im 20. Jahrhundert brachten die nachlassenden Fischbestände den Berufsstand der Rostocker Fischer in Bedrängnis. Der Ausbau der Warnowmündung und die Hafenvertiefungen hatten das empfindliche Gleichgewicht gestört. Kein Vergleich mit einer Zeit, als die Warnow eines der fischreichsten Gewässer Deutschlands war. Der Tiefpunkt war sicherlich 1964 erreicht, als die Stadt Rostock den verbliebenen 30 zum Teil nur noch nebenberuflich tätigen Fischern der Fischereigenossenschaft verbot, ihren Fang auf den Markt zu bringen. Die Wasserverschmutzung hatte den Fisch ungenießbar gemacht.

Offenbar ging es aber doch irgendwie weiter mit der Fischerei. Es ist bezeugt, dass es eine Binnenfischerbrigade Mühlendamm “Paul Schiemenz” gab, deren Mitglieder zum Teil hauptberuflich im 14-tägigem Turnus bei der Bagger-Bugsier- und Bergungsreederei arbeiteten und in der Zwischenzeit fischten. In gewissem Sinne gruben sie sich nun selbst den Fisch ab. In den 90-igern war nur ein einzelner nebenberuflicher Fischer (mit uralter Familientradition) übrig geblieben.

Ein besonders begehrter Fisch war damals der Aal, welcher – obwohl auch vor Ort hoch geschätzt – vorwiegend “in den Westen” exportiert wurde. Er war weniger von der Verölung und Verschmutzung betroffen.

Nachdem sich die Wasserqualität nach der Wende verbessert hatte, vergab am 2. Juni 1994 das Land Mecklenburg-Vorpommern wieder Fischereirechte an mehrere sogenannte “Stadtfischer”. Man kann sie bis heute dabei beobachten, wie sie, vom Fischergraben kommend, ihre Reusen auf der Unterwarnow ansteuern.

Text & Recherchen: Hinrich Bentzien, Peter Horn

(Quellen und Fotos: Nachlass Rostocker Bruchfischer, NNN, OZ)

Dieser Artikel erschien in gedruckter Form in der OSTPOST - Ausgabe 23.

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