Wilhelm Schmidt: Anreger und Förderer städtischer Kultur

Wilhelm Schmidt, Foto mit freundlicher Genehmigung des Volkskulturinstituts Mecklenburg-Vorpommern
Wilhelm Schmidt, Foto mit freundlicher Genehmigung des Volkskulturinstituts Mecklenburg-Vorpommern

Direkt aus der Östlichen Altstadt stammten und in ihr wirkten Persönlichkeiten, die zur Ehre ihrer Vaterstadt Rostock Beachtliches leisteten. Doch oft sind ihre Namen, Lebensdaten und das, was sie taten, selbst Rostockern kaum oder nur wenig bekannt.

Einer davon ist Wilhelm Schmidt, Schriftsteller, Publizist, Herausgeber und Vereinsfunktionär, der als Autor auch unter dem Pseudonymen Schmidt-Fischerbrook schrieb.
Wer sich auf die Spuren Wilhelm Schmidts begibt, der stößt auf eine vielfältige Persönlichkeit, die mit der Geschichte und Kultur unserer Heimatstadt, dem Vereinswesen, der nie der deutschen Sprache und Literatur zutiefst verbunden war und diese über Jahrzehnte entscheidend mit prägte. Unser Beitrag soll Wilhelm Schmidt, den Anreger und Förderer kultureller Prozesse und Ereignisse in Rostock zeigen.

Am 11. März 1872 als Sohn eines Schiffers in Rostocks Östlicher Altstadt, im Fischerbruch, geboren, fand er über das Lehrerstudium den Zugang zu einer höheren Bildung.
Diesem Teil der Stadt fühlte sich Wilhelm Schmidt besonders verbunden.
Nach Abschluss seines Studiums am Neubukower Lehrerseminar im Jahre 1895 nahm er eine Tätigkeit als Volksschullehrer an der Altstädtischen Knabenschule am Alten Markt auf. In Erinnerungen von ehemaligen Schülern wird er als ein gütiger Lehrer beschrieben, der Verständnis für die ihm anvertrauten Zöglinge aufbrachte. Wenn er sich doch einmal über sie ärgerte, soll er auf Plattdeutsch geschimpft haben, das erschien den Schülern angenehmer.
Das Ausüben des Lehrerberufes bot ihm durchaus noch Zeit zu schöpferischem Wirken. Sein besonderes Engagement galt der Pflege des Plattdeutschen. So wurde der 26jährige 1898 zum Mitbegründer des ersten niederdeutschen Vereins in Rostock, des „Plattdütschen Vereins för Rostock un Ümgegend“.
Ihm ist es zu verdanken, dass in der Folge weitere derartige Vereine in und um Rostock entstanden. Vereinsegoismus oder gar Vereinsmeierei waren ihm fremd. Er verstand es, unterschiedlichste Gruppen, Organisationen und Institutionen sowie den Rostocker Rat im Sinne gemeinsamer Ziele zusammenzuführen. Eine erste Feuerprobe für Wilhelm Schmidt und den „Plattdeutschen Verein für Rostock und Umgebung“ war die Durchführung des Verbandstages des Allgemeinen Plattdeutschen Verbands Mecklenburgs Pfingsten 1900 in Rostock. Durch eine rege Vortragstätigkeit nicht nur in plattdeutschen Vereinen Rostocks sowie außerhalb und durch intensive publizistische Tätigkeit für Zeitungen und Zeitschriften trug Schmidt dazu bei, das Interesse am Niederdeutschen zu beleben. Er baute Kontakte zu niederdeutschen Autoren und Volkskundlern sowie niederdeutschen Vereinsfunktionären in Mecklenburg und im Deutschen Reich auf und wirkte mit Funktionären anderer plattdeutscher Vereine Rostocks zusammen wie Hannes Gosselck, Heinrich Buhrmeister, Friedrich Carl Maaß und Emil Holst, deren Wirken heute leider auch vergessen ist. In diesen Jahren reifte er auch zu einem in seiner Zeit anerkannten Autor und Publizisten niederdeutscher Zunge heran.

Neben Paul Kaufmann, dem Vorsitzen den eines weiteren, in Rostock 1903 gegründeten plattdeutschen Vereins mit dem Namen „Fritz Reuter“, hat Schmidt bedeutenden Anteil daran, dass am 5. September 1920 der erste Plattdeutsche Volkstag in Rostock aus der Taufe gehoben wurde. Dieses alljährlich wiederkehrende kulturelle Ereignis, das von vielen Rostockern und Auswärtigen angenommen wurde, entwickelte sich bis in die 30er Jahre
hinein zu einer geschätzten Tradition mit wachsendem kulturellen Anspruch. Die Volkstage wuchsen über den Rahmen eines Volksfestes hinaus. Sie wurden zu einer Schau der kulturellen Potenzen, aber auch des Engagements vieler Rostocker. Heimat- und plattdeutsche Vereine, Militär- und Sportvereine, Gesangsvereine, Handwerkerinnungen sowie die Universität beteiligten sich. Um die Vorbereitung und Durchführung der Volkstage sicherzustellen, entstand die „Platt deutsche Arbeitsgemeinschaft“, in der Wilhelm Schmidt alternierend mit Paul Kaufmann den Vorsitz einnahm und in der die Träger des Volkstages zusammengeführt und deren Beiträge koordiniert wurden.
Fester Bestandteil der Volkstage wurden plattdeutsche Gottesdienste in der Sankt-Petri-Kirche, wo schon der Reformator Joachim Slüter in der Sprache des Volkes gepredigt hatte. Diese Gottesdienste fanden so reichen Zuspruch, dass die Kirche oft nicht alle Gläubigen aufnehmen konnte.

Als Vertreter der plattdeutschen Vereine Rostocks leitete Schmidt den Arbeitsausschuss für die Errichtung eines Fritz-Reuter-Denkmals und übergab dieses am ersten Pfingsttag 1914 nach seiner feierlichen Enthüllung in die Obhut der Stadt. Schmidt engagierte sich ebenso für das Aufführen niederdeutscher Schauspiele und von ihm ging die Initiative für eine Niederdeutschen Bühne in Rostock nach dem Vorbild Hamburgs und dem Beispiel Richard Ohnsorgs aus.
Am Vorabend des ersten plattdeutschen Volkstages konnte diese unter der Leitung von Karl Krickeberg ihre erste Premiere herausbringen. Geboten wurde Hermann Boßdorfs „Bahnmeester Dod“ in der Regie von Karl Krickeberg. Eine innige Freundschaft bestand zwischen Wilhelm Schmidt mit dem Volkskundler Richard Wossidlo.
Schmidt setzte durch, dass der „Plattdeutsche Verein für Rostock und Umgegend“ Wossidlo im Jahre 1907 zum Ehrenmitglied ernannte. Der geistige Austausch mit Wossidlo regte ihn an, seine Bemühungen um die Bewahrung der niederdeutschen Sprache und Kultur zu verstärken. Wie Wossidlo sammelte auch Wilhelm Schmidt plattdeutsche Begriffe, Redewendungen und Sagwörter, hielt Rätsel, Reime und Schwankhaft-Anekdotisches fest. Da bei unterstützte ihn von Kindesbeinen an seine Tochter Elisabeth, die den älteren Rostockern noch als Buchhändlerin in der Buchhandlung Koch in Erinnerung sein wird.
Besonders eng verbunden fühlte Wilhelm Schmidt sich mit dem Werk John Brinckmans. 1914 veröffentlichte er eine John-Brinckman-Biographie und gab eine Auswahl der Werke des in Rostock geborenen Dichters heraus. Engen Kontakt hielt er zu John Brinkmans Witwe und dessen Sohn Max.

Es war die Idee Wilhelm Schmidts, dass die Stadt Rostock alljährlich einen „John-Brinckman-Preis“ verlieh. Der Preis brachte der Stadt Rostock reichsweite Achtung und Anerkennung ein. Zu den Preisträgern gehörten neben Richard Wossidlo auch Richard Ohnsorg.
Für sein unermüdliches Wirken und sein Gesamtwerk wurde Wilhelm Schmidt im Jahre 1935 selbst mit dem „John-Brinckman-Preis“ ausgezeichnet. Gefragt war Wilhelm Schmidt auch als Rezitator klassischer niederdeutscher Autoren wie Reuter und Brinckman. Seit den 20er Jahren trug er bei Veranstaltungen in Vereinen auch aus eigenen Schriften vor. Wilhelm Schmidt veröffentliche Sachtexte und Gedichte im „Eekboom“, dem Verbandsblatt des „Allgemeinen plattdeutschen Verbandes“ und in der regionalen Verbandszeitschrift „Uns platt dütsch Heimat“. Hervorzuheben ist die fast vier Jahrzehnte währende Arbeit als Herausgeber, Mitarbeiter verschiedener Heimatkalender wie des Rostocker „Vagel-Griep-Kalenders“. Viele Jahre wirkte er als Vorsitzender des Landesverbandes der plattdeutschen Vereine.

Schmidt starb im 70. Lebensjahr am 15.5.1941 in Rostock. Er war zutiefst mit seiner Heimatstadt Rostock, ihrer Kultur sowie dem Plattdeutschen verbunden und hat es verdient, dass die Erinnerung an ihn wach gehalten und eine Ehrung – möglicherweise in Form einer Straßenbenennung – durch die Stadt erfolgen sollte.
Das Volkskulturinstitut Mecklenburg und Vorpommern im Kulturbund e.V. würdigte sein Wirken aus Anlass seines 60. Todestages durch eine festliche Veranstaltung am 19. Mai 2001 in der Volkshochschule Rostock.

Autoren: Gerda Strehlow und Hanns Rainer Perten

Der Text wurde abgedruckt in der OSTPOST Nr. 3
Foto: mit freundlicher Genehmigung des Volkskulturinstituts Mecklenburg-Vorpommern

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