Zeitzeugen: Interview mit Gertrud Horn

Frau Gertrud Horn als Kind
Frau Gertrud Horn als Kind

Nach wenigen Jahren in anderen Städten kehrte ich vor ca. drei Jahren (Stand 2003) nach Rostock zurück. Viel erinnert einen an die Kindheit, auch wenn unsere Spiel- und Versteckplätze nach und nach zugebaut werden. In der Erinnerung lebt die Altstadt weiter.
Überrascht war ich, meine alte Plattdeutschlehrerin wiederzutreffen. Ich erfuhr, dass sie immer noch in der Wendenstraße wohnt. Ich folgte ihrer netten Einladung auf ein Pläuschen.
Frau Gertrud Horn empfing mich kurz nach ihrem Geburtstag:

OSTPOST: Wie alt sind Sie jetzt?

Frau Horn: So alt wie die Altstadt bin ich nicht. Ich wurde am 06. November 1917 im Patriotischen Weg geboren.

OSTPOST: Sie haben Ihr ganzes Leben in Rostock verbracht?

Frau Horn: Nein, aber ich bin gleich nach dem Kriegsende wieder nach Rostock zurückgekehrt. Mit meinem 1. Ehemann lebte ich zwischendurch in Bremen. Er fiel im Krieg bevor meine Tochter geboren wurde. Da ich kein Zimmer kriegen konnte, wohnte ich vorübergehend bei meinen Eltern.

OSTPOST: Wo haben Sie später gewohnt und seit wann leben Sie hier in der Wendenstraße?

Frau Horn: Zuerst habe ich mir eine Wohnung mit anderen Leuten „Am  Strande“ teilen müssen. Ich lernte dann meinen zweiten Mann kennen und zog mit meiner Tochter zu ihm in die Wendenstraße. Das war 1946 und seitdem lebe ich hier.

OSTPOST: Wo haben Sie damals gearbeitet?

Frau Horn: Ich war Kindergartenleiterin in einer Baracke im Katharinenstift. Das waren schwere Zeiten. Wir hatten ja nicht viel. Es war auch eher ein Behüten der Kinder, als eine Spieleinrichtung.
Man hat sich so seine Sachen zusammengeliehen. Meine Eltern hatten damals einen Garten und somit bekam ich hin und wieder etwas Gemüse. War irgendwo Stoff übrig, nähte man z.B. Gardinen und Kleidung. So bauten wir den Kindergarten nach und nach auf.

OSTPOST: Wie lange waren Sie im Kindergarten und was ist Ihnen vorwiegend in Erinnerung geblieben?

Frau Horn: Kinder..., das ist alles schon so lange her. Es waren wohl so etwa 2 Jahre. Die Mütter waren Trümmerfrauen und so sorgten wir für die Kinder. Die Männer kamen ja kaum und zum Teil sehr spät zurück. Damals gab es eine „Schwarze Suppe“ zu essen. Wir bekamen aus der Ölmühle die Rückstände. Viele Kinder mochten diese. Unsere hingegen hatten besseres gekostet. Die Russen schlachteten hin und wieder ihre Pferde und mit übrig den uns zugeteilten Kartoffeln kochte man aus den Knochen dann eine Suppe. Von der Verwaltung etwas zu bekommen dauerte meist sehr lange, so musste man immer die Augen offen halten. Manch Heimkehrer kam und stillte den größten Hunger, indem er aß, was übrig geblieben war. Wir haben damals nicht nach unserer, sondern nach Moskauer Zeit gelebt. Wir hatten keine Toiletten und mussten immer mit allen Kindern in die Schule rüber, um dort durchs ganze Haus zu den WC 's zu gelangen. In den Pausen ging das nicht, da hatten wir in den 2 Räumen Töpfe.

OSTPOST: Was mochten Sie an der damaligen Zeit?

Frau Horn: Die Zusammengehörigkeit, man hat zusammengesessen und viel genäht. Man hat die Ruhe genossen. Endlich erklangen keine Sirenen und keine Bomben krachten nieder. Mit der heutigen Zeit kann ich nicht so viel anfangen, es ist wohl doch eher jeder für sich selbst.

OSTPOST: Wie erlebten Sie das Weihnachtsfest in dieser Zeit?

Frau Horn: Kinder, da lese ich euch am besten was vor!

(Frau Horn liebt Plattdeutsch und ist immer noch im Bund Niederdeutscher Autoren aktiv. Freundlicher Weise stellt sie uns eine Geschichte zu Verfügung, die Sie im Anschluss an das Interview lesen können.)

OSTPOST: Vor Ihrem Haus ist ein jüdischer Gedenkstein, ein sogenannter „Stolperstein“ (Ostpost berichtete in der letzten Ausgabe). Haben Sie die Familie Levi noch kennen gelernt?

Frau Horn: Nein, aber mein 2. Mann. Als der Großvater Levi damals starb, baute die Familie die zwei Dachkammern aus und so zog mein Mann damals in dieses Haus. Wenn unten eine Etage frei wurde, so zog man tiefer. Großfamilien hatten in Rostock Vorzug, Einzelpersonen wurden irgendwo mit einquartiert. Rostock war damals ja ausgebombt.

OSTPOST: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Frau Horn: Mehr Leben auf dem Alten Markt. Für uns Alten ist alles doch sehr weit. Es wäre sehr schön, wenn es hier noch Obst- und Gemüsestände gäbe!
Ich habe auch für eine Haltestelle bei der Petrikirche gekämpft, aber leider entschieden andere dagegen. Der Winterdienst ist ja auch sehr wichtig. Hier ist es nicht so eben und da fällt man doch mal schnell. Die Dinge werden ja nicht leichter, aber mit Ruhe und Gemütlichkeit geht es. Man braucht nur ein bisschen länger.

OSTPOST: Liebe Frau Horn, wir wünschen Ihnen noch gesunde und friedliche Jahre und bedanken uns für den interessanten Einblick in vergangene Tage.

Das Interview führten Cornelia Matzner und Katrin Hecht, es wurde abgedruckt in der OSTPOST Nr. 11

Und nun noch wie versprochen die plattdeutsche Geschichte:

Kinnergorden dunntaumalen

Wedder stunn Wihnachten vör de Dör. Wihnachten 1945 ahn Bangen vör Bomben un Dod nah all dei düsten Kriegsjohren. Ein schöne Tied sull dat warden in unsen Kinnergorden, den wi just ierst inricht hadden. Man blot so mit dat Allernödigst, oewer mit väl Leiw. Wieldat wi uns Kinner ok wat schenken wullen, maakten wi in unsen Wahnbezirk bekannt, dat wi allens bruken künnen,wat oewrig wier. Olle Kledung, Wullreste un all so wat. Uns Freud wier grot, as uns neben die Gabe ok noch Hülp anbaden wurd.
Miehrere Frugens ut die Oltstadt neihten un knüd’ten nüdliche Saken taun Antrecken. Wi ut den’ Kinnergorden seten in uns Frietied tauhop un sniederten, wat dat Tüg hollen wull.
För die Päpernoetbackerie spendierte die Wahnbezirk die Taudaten un Bäcker Jäger backte sei af. Wat die Lütten woll weiten deden, wat Päpernoet sünd?
Unsen Spälruum hadden wi wihnachtlich utputzt. Die Öller nun Grotmuddings wieren kamen. Mit „Ihr Kinderlein kommet“ süngen wi uns rin in die Feststuw. Ierst die Lütten un dei Groten achteran. Dor wier woll keiner, den’ dat nich tauharten güng. Nu kraeg ick min Lampenfewers, wieldat ja nu uns grot Uptritt kem. Ick had’ mit dei Lütten „Rumpelstilzchen“ inöwt. Dei Kinner wieren  heil gaud bi dei Sak. Un uns Rumpelstilzchen towte  unner sinen roden Rägenümhang as dull vör sin Hütt ümher.
As „O Tannenbaum“ verklungen wier, kemen dei Geschenke un die bunten Töllers mit dei Päpernoet un einen Appel an dei Reig. Wier dat ne Freud as Elke ehr Puschen, Jürgen sin Handschen orre Helga ehr niege Mütz im dei lütten Hännen hollen daden.
Oewer dei Muddings un Größings wischten sick woll 'ne heimliche Tran bisiet un müchten dorbi an einen leiwen Minschen denken, den' dei Krieg nich wedder rutgäwen had'.

Autorin: Gertrud Horn

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