Zeitzeugen: Interview mit Max Braatz

Max Braatz, Türmer der St.Petri Kirche
Max Braatz, Türmer der St.Petri Kirche

ZEITZEUGEN - Interview mit Max Braatz, Türmer der St.Petri Kirche

OSTPOST: Was verbindet Sie mit der Östlichen Altstadt?

M. BRAATZ: Ich bin mit der Altstadt seit frühester Kindheit verbunden. Vom Petridamm kommend und hier die ganze Jugend verbringend, wurde ich mütterlicherseits kaufmännisch erzogen, in die Altstädtischer Schule eingeschult und durfte in der Petri-Kirche die Christenlehre erfahren.

OSTPOST: Sie haben die Entwicklung in diesem Stadtteil besonders aufmerksam verfolgt. Was hat Sie am meisten beeindruckt und was hat Ihnen überhaupt nicht gefallen?

M. BRAATZ: Nicht gefallen hat mir vor der Wiedervereinigung, das diese Altstadt zu wenig berücksichtigt wurde, dass zu wenig vom Staat darauf geachtet wurde, dass die Geburtstätte von Rostock erhalten bleibt und man es einfach denen überließ, die zufälligerweise hier als Mieter wohnten. Sehr geringe Mieten trugen mit dazu bei, dass Wohnungen geradezu heruntergewirtschaftet wurden und niemand achtete darauf, dass man mit Hand anlegte. Es lag natürlich auch an der Problematik der Materialbeschaffung, aber trotzdem gab es genug Beispiele dafür, dass Interesse daran bestand, durch Privatinitiative alte Häuser zu erhalten, wie der Schmied Petschenka bewies, der Am Alten Markt zu meiner Jugendzeit noch Pferde beschlug.

OSTPOST: Was hat dieser Stadtteil, was andere nicht haben?

M. BRAATZ: Er zeigt, dass individuelles Wohnen hier möglich ist, und dass Menschen, die auf ein besonderes Umfeld Wert legen, hier zwischen Petri, Nikolai und Grubenstraße richtig sind.

OSTPOST: Gibt es etwas was Sie besonders bewegt und beeindruckt in dieser Gegend?

M. BRAATZ: Seit der Wiedervereinigung hat sich doch sehr viel getan. Schauen Sie sich die Straßen an, die Qualität der Pflasterung, die Begrünung oder die Fassadengestaltung, all das weist doch auf eine neue Wohnkultur hin und ist schon bemerkenswert. Ich freue mich schon jedes Mal, wenn ich alleine an den Alten Markt denke, der ja eine Sandwüste früher geradezu war, denn er war ja nur aufgeschüttet. Der Kohlegrus, der für die Schule angeliefert wurde, den verteilte man, um die großen Pfützen auszufüllen. Und wenn es windig war, dann kann man sich ja vorstellen wie es in der Umgebung aussah. Heute, wo der Platz zwar völlig gepflastert ist, die Westseite neu bebaut wurde, müsste er nur noch belebt werden. Vielleicht sollte man dort wieder einen Markt abhalten.

OSTPOST: Was müsste Ihrer Meinung nach noch unbedingt saniert werden?

M. BRAATZ: Es ist nach wie vor die Grubenstraße. Links und rechts sind doch immer noch einige Baulücken und die Straße als solche ist ja geradezu ein Stolperpfad. (Anmerkung der Redaktion: Dies war der Stand im Jahr 2000, inzwischen ist die Grubenstraße saniert)

OSTPOST: Erinnern Sie sich noch an Güterzüge, die durch die Grubenstraße fuhren?

M. BRAATZ: Ja, natürlich, die Hafenbahn, die ja viel Militär aber auch Kohle- und Gemüseladungen transportierte ist mir noch gut in Erinnerung. Wenn die Schwarze Minna, so nannten wir die Bahn damals im Schneckentempo durch die Grubenstraße fuhr, versuchten wir als Kinder mitunter, einen Kohlkopf o.ä. herunter zu holen. Vieles ging in den Osthafen und bedeutete dort für einige Leute Arbeit. Nach dem Krieg war man ja froh, wenn man im Osthafen beispielsweise einen Waggon mit 2 Mann entladen konnte und so etwas zusätzlich verdiente. Meiner Familie brachte das letztendlich Kundschaft, wir hatten damals eine Gemischtwaren-Handlung am Mühlendamm. Ich übernahm das Geschäft 1970, vom Holzpantoffel bis zum Lippenstift führend, versuchte ich Engpässe jeder Art mit kleinem bescheidenen Handel auszugleichen. Ich spezialisierte mich auf Feinkost.

OSTPOST: Und das lief gut?

M. BRAATZ: Ich war zufrieden. Nur manchmal wurde ich beim Wirtschaftsamt vorgeladen und mir wurde vorgeworfen, den 5- oder 10-Jahrplan der DDR zu boykottieren, indem ich entweder Waren aus anderen Bezirken hierher schleuste oder, dass ich der im Arbeitsprozess befindlichen Arbeiterbevölkerung Alkohol verkaufte. Oder warum ich hier mehr als 5 F6 abgab in der Tüte, weil es eben keine Filterzigaretten ausreichend gab.

OSTPOST: Die Zigaretten wurden einzeln verkauft?

M. BRAATZ: Die Zeiten hatten wir auch gehabt. Auch Kaffeebohnen wurden abgewogen oder die Watte für die Damen, es war für mich eine Erfüllung, den Wünschen der Menschen gerecht zu werden. Als die Wiedervereinigung kam, schlug ja geradezu eine vollkommen neue Welt auf mich ein als Kaufmann. Mit diesen Angeboten, die ja nicht zu erahnen waren, noch dazu wo ich nie in Westdeutschland war, hatte ich nie gerechnet. Und irgendwann konnte ich den neuen Bedürfnissen der Kunden nicht mehr entsprechen. Ich hatte nicht mehr dieses umfangreiche Sortiment großer Kaufhallen. Auch das Kundenumfeld hatte sich verändert. Durch die Abwicklung des gesamten Osthafens, wo einmal 3000 Menschen beschäftigt waren, blieb ein Teil meiner Kunden weg. Ich musste reagieren, wickelte alles ordnungsgemäß ab und kam noch ziemlich glimpflich aus der Sache heraus. Ich stand nun vor der Entscheidung, was völlig neues aufzubauen.

OSTPOST: Und da schlug für Sie buchstäblich die Glocke?

M. BRAATZ: Nun, da St.Petri nicht aus meinem Leben weg zu denken war, wurde es für mich zum Bedürfnis, diesen wunderschönen Bau zu erhalten. Als Kirchenvereinsmitglied engagierte ich mich für den Aufbau der Turmspitze und organisierte die Spendenaktion. Heute hab ich eine feste Anstellung bei der Kirche als Türmer. Nicht von türmen abgeleitet sondern von Turm.

Das Interview führte Peter Naujoks, es wurde abgedruckt in der OSTPOST Nr. 1


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