Zeitzeugen: Leserpost aus Schweden: Klaus Kannewischer erzählt über seine Kindheit in der Altstadt

Klaus Kannewischer
Klaus Kannewischer

Durch Zufall habe ich einige ihrer Ausgaben zu Lesen bekommen und habe diese sehr interessant gefunden. Darin suchen Sie unter anderem auch nach Zeitzeugenberichten. Naja dann mal los: Auch ich will meine Erinnerungen beisteuern und der nächsten Generation weiter geben.

Ich wurde am 5. Februar 1931 in der Wollenweberstraße 37 im Hause meiner Großeltern mütterlicherseits geboren. Nach dem Bericht meiner Mutter ging bei der Geburt alles so schnell, dass keine Zeit mehr blieb, um in das Krankenhaus zu kommen – mit anderen Worten - ich bin ein echter geborener Altstädter. Meine Eltern wohnten in der Wollenweberstrasse 46.

Beide waren berufstätig und so bin ich dann praktisch bei den Großeltern und Eltern aufgewachsen - wie immer es zeitlich passte.

Nun zu meinen Erinnerungen an die Altstadt! Damals saßen die Rentner auf den Bänken vor den Häusern und hatten die Kinder immer im Auge - Dummheiten zu machen, war schwer. Die einzige asphaltierte Straße war die Harte Straße. Da konnte man Rollschuhe laufen - wenn man welche hatte (sie wurden mit Lederriemen an den normalen Schuhen festgemacht). An der Ecke Hartestrasse/Wollenweberstrasse war das Geschäft von STICHERT - da gab es alles, was man sich wünschte. Es roch immer nach Leder, Petrolium, Kolonialwaren (und was weiß ich noch...). Jedenfalls liegt mir dieser spezielle Geruch noch heute in der Nase. Der Hintereingang für die Warenlieferung war genau gegenüber von der Wollenweberstrasse 37, dem Haus meiner Großeltern. Beide Häuser hatten große Eingangstore. Auf der anderen Seite der Harten Straße/Ecke Pferdestraße war das sogenannte “Parteihaus”. Da wurde von den damaligen Machthabern Aufmärsche und Ähnliches organisiert (in den Augen der Kinder immer etwas Besonderes). Zu meinem Glück habe ich nie eine Uniform getragen und wurde durch meine Erziehung auch darauf nicht eingestellt – weder von links noch von rechts. Na ja, eingeschult wurde ich in der ersten Klasse in die kleine Schule am Alten Markt /Ecke Sackpfeife, später zum nächstmöglichen Termin in die große Schule, die es ja heute auch noch gibt.

Was machten wir in unserer Freizeit? Wer erinnert sich noch heute an ein Spiel genannt "Tippel-Tappel"? Man machte eine Kerbe zwischen den Kopfsteinen, legte den TippeI darüber, nahm den Tappel, d.h. die längere Stange und schlug damit den Tappel so oft es ging und so weit weg wie möglich. Wer am meisten Tippeln und am längsten schlagen konnte, hatte dann gewonnen. Oder das Murmelspiel: Es gab außer den normalen Kugeln auch einige Grosse aus Glas, welche man immer gewinnen und auch behalten wollte. Ja, wer noch glücklicher war, konnte sogar eine Kugel aus Stahl bekommen. Wenn man schon etwas älter war, lief man runter zum Hafen zu den Schiffen. Da versuchte man auch mal an Bord zukommen, was nicht immer gelang oder bis hin zum Fischereihafen, wo die Fischer ihre Netze sauber machten.

Einer meiner Freunde ist dort zu nahe an den Abgang am Stege gegangen und in's Wasser gefallen. Er hat sich dort in alten Netzteilen und anderem Zeug verfangen, aber die Fischer haben ihn natürlich wieder heraus bekommen. Danach bekam er eine Abreibung, um auch uns Anderen beizubringen, nicht zu dicht an den Stegrand zu gehen oder noch besser, ganz von da weg zu bleiben...

Wenn der Ruf erklang "De Äppel sün dor", sind alle Jungs und Mädchen runter zur Grubenstrasse. Da kam der Zug mit Äpfeln zu den Brauereien Kranstöver oder Lehment und dann sammelte man so viele Äpfel, wie möglich. Eine Stunde später hatte man Bauchschmerzen. Die so genannte "Brikettsammlerei" fing erst später an: Am Ende des Zweiten Weltkrieges und danach. Mit der Fähre nach Gehlsdorf sind wir gefahren, ohne zu bezahlen. Der Schipper wusste das schon, aber er hat uns gelassen und es mit angesehen, bis es ihm doch zu viel wurde. Er hat uns zwar mitgenommen, aber nicht wieder zurück. Da mussten wir warten, bis der Fährmann getauscht wurde oder zu Fuss den ganzen Weg über Dierkow gehen, um nach Hause zukommen. Wer dann nicht rechtzeitig zu Hause war, blieb ohne Essen oder aber er bekam sogar noch zusätzlichen Ärger. Dann bin ich eben zur Oma gegangen und bekam doch noch eine Stulle Brot. Um noch mal kurz zum Murmelspiel zu kommen: Wer eine große Kugel gewonnen hatte, für den war es Ehrensache diese im nächsten Spiel wieder mitzubringen. Wenn nicht, dann kam gleich die Frage "WO HEST DU DE GROTE LOTTEN?"

Ja, was machte man innerhalb der Familie? Wenn die Möglichkeit da war, fuhr man mit dem Schiff nach Warnemünde oder aber mit der Eisenbahn. Eine andere Möglichkeit war, über den Petridamm bis zum Weißen Kreuz zu laufen. Am Ende bestimmte immer die "Ökonomie". Außerdem ging's im Sommer in die Badeanstalt am Mühlendamm.

Auch mit den Güterzug rund um die Altstadt zu fahren trauten wir uns (d.h. durch Grubenstraße, Strandstraße, unter der Brücke beim Kröpeliner Tor hindurch, bis zum Hauptbahnhof). Da durfte man sich aber nicht erwischen lassen! Zurück ging es dann zu Fuß: durch die Kaiser-Wilhelm-Straße bis zum Steintor und dann waren wir wieder auf den bekannten Straßen.

Naja und im Winter? So weit ich mich erinnere, gab es in den 30er Jahren keine langen und strengen Winter. Wenn dann mal Schnee lag, sind wir mit dem Peekschlitten den Amberg oder auf der anderen Seite die Slüterstraße runter gefahren durch das Petritor. So dumm waren wir nicht, dass wir am Scharren gerodelt sind, denn da konnte der Güterzug kommen, welcher dann schneller als gedacht...

Doch dann kam der Winter 1941/42. Dieser war nicht nur kalt - die Welt war nicht dieselbe! Mit den Bombenangriffen auf Rostock im April 1942 war die Kinderzeit vorbei. Das Vorderhaus der Wollenweberstraße war nicht mehr da und auch unsere Wohnung in der Nummer 46 beschädigt. Wir sind dann gezwungenermaßen umgezogen und zwar in die Feldstrasse 20. Mit anderen Worten: Mit dem Leben in der Altstadt war es vorbei, die Freunde waren nicht mehr da, die Schule wurde gewechselt. Ich ging nun in die St.Georg-Schule. Und nicht nur das: Zwei mal wurde ich in ein sogenanntes KLV-Lager geschickt, immer noch in Mecklenburg zwar, aber nicht mehr zu Hause. Dann wurde auch das Haus in der Feldstraße beschädigt und wieder mal war ein Umzug notwendig. Wir zogen in die Badstüberstraße.

Und nun komme ich zu einem anderen Punkt in meinem Kinderleben: Meine Großmutter war Hausangestellte bei Onkel Bernhard in der Schnickmannstraße (einem Rostocker jüdischer Abstammung - die OSTPOST-Redaktion). Er hatte drei Kinder. Wir waren alle mehr oder weniger im selben Alter und spielten zusammen. Ich entsinne mich, dass in der Mitte des Hinterhofes ein Obstbaum stand. Ich weiß noch, dass er seinen Sohn und eine Tochter nach England schickte und eine andere Tochter nach Palästina. Auch kommt mir Erinnerung dass ich 1941/42 noch mal dort hin gegangen bin. Onkel Bernhard lebte noch und wohnte in einer kleinen Stube im Hinterhof. Als er mich dann erkannte, sagte er: "Junge komm nie wieder her, denn dann werden ich und Du großen Ärger bekommen!". Ja, was hatte ich: Keine Ahnung und bin auch nie wieder hin gegangen.

Durch die Ereignisse des Krieges war man kein Kind mehr und auch kein Jugendlicher. Man lebte in einem Vakuum, das man damals nicht verstand. Der Krieg war zu Ende und die sogenannten Befreier kamen. Das war Anfang Mai 1945. Ja, auch ich wurde von Ihnen befreit und zwar von meinen Kleidern, am Kanonsberg. Ich musste nackt nach Hause laufen.

Und dann kamen wie selbstverständlich die neuen Machthaber auf die Bilder und Plakate. Die braunen Hemden wurden nur getauscht. Natürlich war man glücklich, dass der Krieg vorbei war, aber so einfach war es dann doch nicht!

Da kamen wieder die Aufmärsche, statt Trompeten nun Schallmaien. Die "Deutsche Jugend" (DJ) wurde nun FDJ. Im Juni 1949 bin ich dann mit einem Warnemünder Fischer nach Schweden ausgewandert, wo ich auch heute noch lebe und nicht nur ich - es gibt dort einige Rostocker zu denen ich auch noch Kontakt habe. Ich bin ab 1964 einige Male in der damaligen DDR gewesen und war zu traurig, was alles geschehen ist. Nun bin ich leider nicht mehr in der Lage, noch mal meine Heimatstadt zu besuchen - könnte aber ein ganzes Buch darüber schreiben.

Etwas will ich noch erwähnen: Wenn die Schule vorbei war, wurde nur Plattdeutsch gesprochen und zwar zwischen uns Kindern und den Eltern. Das ist ja heute leider vorbei.

Mit freundlichen Grüßen an Sie und die Altstadt
KLAUS KANNEWISCHER.

Dieser Artikel wurde abgedruckt in der OSTPOST Nr. 24.

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