Rundherum statt Mittendrin: Ein Rundgang um die Stadtmauer

J.M.Tarnows Plan vom Rostock, gez. 1780–1790
J.M.Tarnows Plan vom Rostock, gez. 1780–1790

Einen etwas anderen Gang durch unsere Altstadt, eigentlich nicht durch, sondern um die Stadt, genauer gesagt um die Stadtmauer herum, möchte ich mit einem Ausflug in die Geschichte beginnen. Wie den meisten von Ihnen schon bekannt sein wird, ist das heutige Rostock aus einer slawischen Siedlung entstanden.

Die großen stadtähnlichen Kaufmannssiedlungen der Westslawen entstanden stets im Schutze einer feudalen Befestigung oder in der Nähe eines Stammesheiligtums. Sie waren nicht ausschließlich von der See, sondern auch über Landstraßen erreichbar. Neben dem Seeweg führte ein dünnes Netz von Handelsstraßen an der Küste von Hafen zu Hafen. Mit dem Niedergang des bis dahin übermächtigen skandinavischen Handels im 11. Jahrhundert wandelte sich die Funktion der Handelsplätze.

Als erste deutsche Hafenstadt an der Ostsee baute der Sachsenherzog Heinrich der Löwe den ehemaligen slawischen Handelsplatz und gegründeten Marktort Lübeck 1159 zur Handelsmetropole aus. Als erste der "anderen" Ostsee-Hansestädte erlangte Rostock 1218 das Lübische Stadtrecht.

Die Rostocker Altstadt ist schon seit 1189 als deutsche Marktsiedlung bezeugt und in Nachbarschaft der Burg Rosztoc, auf dem östlichen von drei im Schutz des Warnowknies gelegenen Hügeln. Seit den Anfängen unserer Stadtgeschichte gab es im Osten die "Brüche" (Sumpfgelände mit geringem Baum- und Strauchbestand), den "palus fartorum" (küterbrok) und "palus piscatorum" (vischerbrok).
Sie waren einst Wohnsitz der stark vertretenen ältesten Rostocker Gewerbe der Küter (Schlachter), Gerber und Fischer. Diese Brüche waren durch kleine unscheinbare Bruchtore abgeschlossen, die zur Wallbefestigung von der östlichen Hauptverteidigungslinie führten. Sie verlief vom Mühlendammzingel über den Warnowarm hinter den Brüchen entlang bis zur Petrischanze. Die beiden Bruchtore, das Küter- und das Gerbertor, hatten gleiches Aussehen und sind auf Vicke Schorlers Stadtansicht von 1585 eingezeichnet. Kurz nach 1700 waren sie bereits wieder verschwunden.

Die um 1300 abgeschlossene und durch sieben Land- und dreizehn (!) Hafentore unterbrochene Ringmauer um Rostock war etwa 5 Kilometer lang und ist im ältesten Zustand teilweise noch auf der Petrischanze in Richtung Küterbruch erhalten. Anfangs hieß die heutige Strandstraße, die entlang des gesamten alten Stadthafens vom früheren Heringstor (Grubenstraße) bis zur Fischerbastion (Kanonsberg) führt, "by der muren" (bei der Mauer) und erst später "strandstrate". Man könnte meinen, der starke Verfall der Mauer hat erst begonnen, als sie nicht mehr gebraucht wurde, d.h. in unserer "neuen" Zeit.

Doch weit gefehlt, der Zerfall setzte schon im Mittelalter ein. Bei einer schweren Sturmflut um 1625 stürzten ganze Teile der Stadtbefestigung zwischen der Grube und dem Gerbhof vor dem Petritor ein. Während des Dreißigjährigen Krieges um 1630 erfolgte eine starke Neubefestigung. Sie brachte auch die Dreiwallbastion (Ober-, Mittel- und Unterwall) mit sich. Aus dieser Zeit stammen noch Mauerreste zwischen Fauler Straße und Grubenstraße, hinter denen sich heute die Hochschule für Musik und Theater (HMT) befindet, am Oberwall zwischen Kröpeliner Tor und Schwaanscher Straße und zwischen Steintor und Kuhtor. Die übrigen Teile verfielen im 18. Jahrhundert und wurden vor allem nach 1870 nach und nach geschleift oder fielen den Bombenangriffen von 1942 (Kröpeliner Tor bis Kanonsberg) zum Opfer.

Unseren Rundgang will ich genau an der Ecke Grubenstraße/Strandstraße beginnen. Genau an der dortigen, heute stark belebten Ampelkreuzung stand einst das schon erwähnte Heringstor, als "ante valva allecum" überliefert und nach den seit 1270 nachweisbaren Heringshäusern, in denen die Heringwächter die Fische reinigten, benannt. Der Abschnitt "Vor dem Heringstor" war der nördlichste Teil der alten "grove", einem Wasserlauf zwischen Ober- und Unterwarnow, der die Altstadt von der Mittelstadt trennte und von sechs kleinen Brücken überwölbt war. Die Strandschanze am Heringstor war im Dreißigjährigen Krieg mit je einem Falkonett (kleines leichtes Geschütz mit dem Eisen- oder Bleikugeln bis 5 kg verschossen wurden) und einem Götling bestückt. Reste der Schanze waren bis 1730 noch vorhanden.
Im Mittelalter bürgerte sich der Name "Lazareth Thor" ein, nach dem um 1500 gegründeten Sankt Lazarus Hospital für Pockenkranke in der Nähe der im großen Stadtbrand von 1677 zerstörten gotischen Sankt Katharinen Kirche (Reste sind in die HMT integriert). Hinter dem Heringstor beginnt ein Abschnitt der Stadtmauer hinter der wie bereits erwähnt die HMT liegt. Die Mauer ist nach der Fertigstellung der HMT natürlich auch restauriert worden. Unter der Regie des "Arbeitsförderungswerks" wurden die zerstörten Mauerteile nach und nach wieder aufgebaut.

Weiter geht es in Richtung "Vorpommernbrücke". Man braucht nicht lange zu
laufen und kommt an die "Faule Straße". Hier ist doch gar keine Mauer mehr! Genau, aber hier war mal eine Mauer! An dieser Stelle stand nämlich ein weiteres der 13 Strandtore, das "Faule Tor". Eigentlich hieß das Tor urkundlich "Valva antiqua" (Altes Tor). Auch die heutige "Faule Straße" hieß 1475 noch "olde strate", dazu "by dem olden dore". Im Spätmittelalter kam für mehrere Straßen die Bezeichnung "fule strate" (Faule Straße) auf, die auf versickernde Wasserläufe zurückzuführen ist. Die Bewohner warfen ihren Unrat hinein, so dass allmählich stinkende Gräben entstanden.

Das "Faule Tor" war, wie die meisten Strandtore, nur eine Pforte im dicken Mauerkern, der Rostock umschloss. Diese Pforten wurden in spätgotischer Zeit mit Zinnen und Giebeln versehen, wie sie uns der berühmte Stadtchronist Vicke Schorler überliefert hat. Auf dem alten Rostocker Pfingstmarkt standen zwischen der "Faulen Straße" und der "Grubenstraße" am Strande die großen "Bayern-Bierzelte" mit Musik und viele Jahrzehnte der duftende Verkaufsstand mit "Kaisers Schmalzkuchen".

Weiter geht's in der bereits eingeschlagenen Richtung und man musste zur damaligen Zeit nicht lange laufen und schon kam man zum nächsten Tor, welches heute auch nicht mehr steht, das "Wendentor". Das Wendentor ähnelte eher einer Pforte, an die sich ein Turm anschloss, der die Torwachen beherbergte. Es war das älteste Tor und wurde zuerst als "ante valvam slavorum" (by dem wendendor) erwähnt und trägt ebenso wie die Wendenstraße ("platea slavorum") seinen Namen nach den Ur-Rostockern, den Wenden. Diese waren einst jenseits der Warnow im Gebiet des heutigen Industrie- und Lagerbezirks Osthafen in der Siedlung Rastoku ansässig.

Nur ein kleines Stückchen weiter traf man auf eines der größeren Tore, das Petritor. "Ante valvam sunte Peter" ist eines der sieben Landtore und steht leider auch nicht mehr, obwohl es weder stark zerstört noch zerfallen war. Der frühgotische Bau aus der Mitte des 13. Jahrhunderts gehörte zu jenen Toren, vor denen Zugbrücken bestanden. Der schlichte Backsteinbau war ein Zweckbau, diente zur Verteidigung und war noch nicht mit den Repräsentationsbauten der späteren reichen und mächtigen Hansestadt zu vergleichen. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts erhielt es ein Brettergeschoss mit Gusserker, das 1712 wieder abgebrochen und durch den Ziegelpyramidenturm ersetzt wurde. Vor dem Zingelübergang wird 1447 ein Außenwerk als Brückenkopf am Petridamm erwähnt. Der Petridamm wiederum hieß noch bis 1350 "anger sankt clementi" (Sankt Clemens Damm), nach der ältesten christliche Kirche unserer Stadt, die dem Heiligen Clemens geweiht war und etwa im heutigen Alt-Karlshof stand. Sie wurde Ende des 13. Jahrhunderts abgebrochen.

In südlicher Richtung sind noch Teile der alten Stadtmauer erhalten, die einst als Petrischanze mit ihren Wiekhäusern an das Kütertor, die Lohmühle und den Gerbergraben heranführte. Nach der Neubefestigung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg diente diese Schanze als Faussebraye und Pulvermagazin. Auf dem Kirchhof von St. Petri auf der Anhöhe fand eine Feuerbatterie Aufstellung. Nach dem großen Stadtbrand von 1677 setzte wieder der Verfall der kilometerlangen Stadtbefestigung ein, der bis vor kurzem auch anhielt. Lediglich Prestigeobjekte im Bereich Steintor wurden etwas besser erhalten. Dazu nachher mehr.

Bei den Bombenangriffen von 1942 brannte das Petritor. wie auch die meisten anderen Gebäude in der Slüterstraße, völlig aus. Die Ruine, an der noch die Straßenbahnlinie 4 vorbeiführte, wurde später abgerissen; eher gesagt beseitigt, da wie bei vielen Baudenkmälern versäumt wurde, zum richtigen Zeitpunkt zu restaurieren. Nach den Erzählungen der Zeitzeugen zu urteilen, war dieser Abriss nicht nötig.
Die Petrikirche war ebenfalls ausgebrannt und steht heute auch noch. Heutzutage gibt es Pläne, das Petritor wieder aufzubauen. Natürlich nach alten Plänen!

An der bereits erwähnten Petrischanze bzw. deren Reste geht es weiter in südlicher Richtung. Auch hier sieht man, dass kräftig am Erhalt der Mauer gearbeitet wird. Auf der Petrianhöhe wurde gerade alles wieder hergerichtet, schiefe Stufen begradigt, verschlossene Schießscharten geöffnet und Mauerteile aufgefüllt.
In dem fehlenden Stück weiter südlich stand noch bis 1942 ein Haus, das durch die schweren Bombenangriffe zerstört wurde. Die letzten 60(!!) Jahre war dort eine „Baulücke“. Nach Fertigstellung der Petrihöhe wird auch dieses Loch wieder geschlossen werden. (Stand 2002)
Geht man weiter über den Küterbruch kommt man an ein schon erneuertes Mauerstück und dann ist plötzlich Schluss. Ein findiger Kopf hat dort ein Haus an die Mauer gebaut, was ja eigentlich nicht sein kann, da die Stadtmauer und der Bereich herum öffentlicher Besitz ist. Eine Ausnahme bilden die Häuser, die schon länger als 100 Jahre an der Selbigen stehen.
Wenn sie die Mauer ablaufen werden sie feststellen, dass nur wenige Häuser direkt an der Mauer stehen und wenn dann längs und nicht quer.

“Oberhalb des Gerberbruches“ kommt man an den ebenfalls schon erneuerten Stadtmauerteil. Der gesamte Bereich am Altstadtspielplatz wurde komplett saniert und davor ein befestigter Weg mit Beleuchtung und Parkbänken geschaffen. Ein Teil der Mauer wurde sogar dem Gebäude, welches dahinter gebaut wurde, angepasst. Ich bin der Meinung, dies kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, da die Mauer schon fertig war bevor das Haus angefangen wurde und nachträglich den Fensterausschnitten angeglichen. Auch andere Häuser hinter der Stadtmauer im Bereich des Spielplatzes wurden und werden saniert und die Stadtansicht wird immer schöner. Ein Stückchen weiter stand das bereits 1268 erwähnte Mühlentor („ante valvam molendor“), dessen einzige Abbildung wir wieder einmal Vicke Schorler zu verdanken haben. Es stand an der um die Nikolaikirche herumführenden Stadtmauer, am 1601 zuerst erwähnten Bagehl. Das Tor führte auf den Mühlendamm und in der Nachbarschaft standen in Richtung Kuhtor an der Viergelindenbrücke der Schweinehirtenturm und der so genannte „Specula“ der seit 1662 von der Universität als Observatorium genutzt wurde.
Auf dem einst wendischen Burgwall vor den Brüchen entstanden die Mühlentorbastion, das Mühlenrondell, das Mühlenravelin und das Mühlendammzingel mit einem Zolltor und einer Zugbrücke. Wer aus Richtung Laage, Tessin und Sülze kam und ein verschlossenes Tor vorfand, musste im Gasthof „Weißes Kreuz“ übernachten. Dieser ist schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erwähnt.
Die ersten Wassermühlen gab es schon im 13. Jahrhundert. Der „Krug der Mühlenknechte“ der1506 in der Mühlenstraße lag, befand sich von 1716 bis 1797 im Blockhaus vor dem Mühlentor, dem Versammlungsort der Wind- und Wassermüller. Von den über 100 Metallgeschützen, über die Rostock im 30jährigen Krieg verfügte (ohne Zeughausreserve), standen 11 vor dem Mühlentor. Darunter befand sich der 1558 gegossene „Löwe“ (eine 18pfündige Feldschlange), ferner Falkonette und Götlinge. Am 1. April 1623 wurden auf dem Mühlenrondell 130 Stadtsoldaten vereidigt. Das wehrhafte Mühlentor fiel im 19. Jahrhundert als erstes unter die Spitzhacke, als 1842 mit der Neuen Wallstraße (der heutigen Ernst Barlach Straße) begonnen wurde.
Von der Straße Am Bagehl bis hinter die Grubenstraße fehlt ein gewaltiges Stück der Stadtmauer. Weiter geht sie mit dem Kuhtor („valva vaccatum Circa stabum civitatis“), eines der wenigen Tore, das allen Gewalten widerstand und das älteste, da 1260 beurkundet, Stadttor. Einst führte vom „Kuhtor hinterm Herrenstall“ der Landweg nach Werle und Bützow über das Gelände des heutigen Güterbahnhofs östlich am mittelalterlichen Sankt-Georg-Hospital vorbei in die heutige Blücher- und Schwaaner Landstraße. Der Name des Tores und benachbarten Kuhberges weisen darauf hin, dass hier die Kuhherden auf die Weiden liefen.
Das rechteckige viergeschossige Kuhtor ist ein frühgotischer Backsteinrohbau. Es wurde bereits im Mittelalter geschlossen, weil der neue Landweg durch das benachbarte repräsentative Steintor führte. Auf diesem Abschnitt führte ein steiler Weg auf den Rammelsberg (heute „Hinter der Mauer“). Dort befand sich seit 1476 der Fangelturm. Von drei Geschützen ist als Dreipfünder die „schwarze Grete“ vermerkt. Auf Geheiß des Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg wurde im Jahre 1566 die 1,20m starke Mauer zwischen Kuhtor und Steintor auf 500 Schritt niedergerissen und dabei auch der Fangelturm und das gotische Steintor, sowie das Johanniskloster abgebrochen um die Stadt wehrlos zu machen. Der Wiederaufbau durch die Stadt erfolgte 1574 bis 1576, anstelle des Fangelturms baute man den heute noch einzig erhaltenen Wehrturm, den Lagebuschturm. Das Kuhtor wurde 1603 vollständig zur „Custodia“ umgebaut. Es wurde ab dieser Zeit als Gefängnis genutzt und später als Wohnhaus. Ein „Verzeichnis der Stadt-Gebäude“ vermerkte im Jahre 1802 unter Kuhtor: „Die im denselben befindlichen beiden Wohnungen sind bis Michaelis 1803 vermiethet. Und weiter: „Die Wohnung in dem Turm bey der Kuhpforte bewohnt der Kuhhirte frey.“ Wie die meisten alten Gebäude wurde auch das Kuhtor im April 1942 durch die massiven Bombenangriffe zerstört. Es brannte völlig aus. Bis in das Jahr 1943 hinein war Rostock die am meisten zerstörte Stadt in Deutschland. Erst danach „überholten“ uns die anderen deutschen Städte. Im Gegensatz zum Petritor wurde das Kuhtor im sozialistischen Rostock wieder im Originalstil aufgebaut. Um weiter an der Stadtmauer entlang zu gehen, wechselt man durch das Kuhtor die Seite und geht „Hinter der Mauer“ über den Lagebuschturm. Dieser beherbergte genau wie das Kuhtor ein Gefängnis. Man gelangt zum Steintor, einem weiteren sehr gut erhaltenen restaurierten Landtor. Dieses einst wichtigste Landtor unserer Stadt besteht in seiner heutigen Form seit 400 Jahren. Eigentlich gehört es nicht mehr zum Altstadtbereich, ist jedoch nur wenige Schritte von ihm entfernt. Im Jahr 2005 wurde die fehlende Verbindung zur Stadtmauer symbolisch durch zwölf nachts grün leuchtende Stelen an der Ostseite wiederhergestellt. Das ältere Steintor war ein gotischer Repräsentativbau, der wahrscheinlich dem Kröpeliner Tor (ein weiteres Landtor) ähnelte. Nur auf einer alten Stadtansicht von Hanns Weigel aus dem Jahre 1543 ist ein hoher, schlanker Dachreiter als Steintor vermerkt, der die Johanniskirche des bereits 1256 gegründeten früheren Dominikanerklosters überragte. An dieses Kloster erinnert nur noch die Bezeichnung „Johannishof“ am „Glatten Aal“ (Hof der Hauptpost).
Das Steintor wird 1261 das erste Mal als „valva lapidea“ („steendor“) urkundlich erwähnt und ebenso die „platea lapidea“ („steenstrate“), die vermutlich erste gepflasterte Straße unserer Stadt. Ein Nachbar des gotischen Steintores war ein so genannter Zwinger, ein vorgeschobener dreigeschossiger Geschützturm mit Waffenlager, der in den Jahren 1526 bis 1532 entstand. Von diesem ist der Name des Baumeisters erhalten, der Hans Percham hieß und aus Wittstock an der Dosse kam. Das Mauerwerk dieses Zwingers war 6 Meter! stark. Die schon angesprochene Willkürtat des Landesherzogs Johann Albrecht im Jahre 1566 machte auch nicht vor dem Steintor halt. Aber schon im Jahre 1574 ließ die Stadt durch den Baumeister Antonius Wahrholt ein neues Steintor im zeitgenössischen Stil der Renaissance errichten, dessen Bau 1576 abgeschlossen war. Die neue und starke Wallbefestigung zur Zeit des 30jährigen Krieges wurde durch den holländischen Ingenieur van Falckenburgh realisiert. Im 30jährigen Krieg war das Steintor mit seinem Vorfeld mit 32 Geschützen der vierte Posten im mittelalterlichen Verteidigungssystem. Dazu gehörten auf dem Zwinger der Vierpfünder „St. Markus“ von 1573, der „kleine David“ von 1588 und „Bruder Rauschenicht“ von 1622. Das Steintorravelin von 1618 vor dem Zwinger hatte vier Vortore, eine Zug- und Steinbrücke über die beiden Gräben.
Im Jahre 1623 bekam das Steintor das erste Rostocker Ballhaus zur Nachbarschaft und 1786 das erste Stadttheater, das 1880 einem Großbrand zum Opfer fiel. In diesem Haus wurden auch die großen Opern Richard Wagners erstmalig für Rostock aufgeführt. An dieser Stelle entstand Ende des 19.Jahrhunderts das Ständehaus. Aus dem Verzeichnis der Stadtgebäude von 1802 geht hervor, dass „auffn steendor“ der Stadtdiener wohnte. Nachdem 1831 die wertvolle gotische Johanniskirche abgebrochen wurde, fiel auch der wuchtige Zwinger, der auf der heutigen Steintorkreuzung stand, 1849 der Spitzhacke zum Opfer. Aus dem „Damm vor dem Steintor“ mit dem Gasthof „Altona“ wurde 1856 die Alexandrinenstraße (heute Richard-Wagner-Straße), mit der allmählich die Steintorvorstadt entstand. Ab dem Jahr 1904 zwängte sich die erste „Elektrische“ eingleisig durch das Steintor und die damals sehr schmale Steinstraße. Vor dem 2.Weltkrieg entstand im Tor die gemütliche „Steintor-Gaststätte“, die samt dem Tor im Jahre 1942 bei einem schweren Bombenangriff bis auf die Grundmauern niederbrannte.
Auch dieses Tor wurde im sozialistischen Rostock originalgetreu wieder aufgebaut und 2001 einmal von unten bis oben restauriert. Es sieht jetzt wieder aus wie „gelekkt“ und auch die lateinische Inschrift an der Innenseite des Tores kommt wieder richtig zu Geltung. Die Bedeutung ist gestern wie heute aktuell – Mögen stets Eintracht und Glück in diesen Mauern wohnen.

Obwohl die Stadtmauer noch weiter führt, soll mein Rundgang hier enden. Der Altstadtteil ist geschafft, aber es gibt noch weitere Reste der einstigen Ringmauer um unsere Stadt.

Autor: Tom Pahlke, der Text wurde abgedruckt in der OSTPOST Nr. 6 und 7

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