St. Nikolai Rostock: Wilgefortis, Ontcomer, Uncumber, Liberata Kümmernis
Der Artikel bezieht sich auf die Informationen zu St. Nikolai in OSTPOST 52, 2026 und entstammen dem Wunsch, zur dortigen Erwähnung des Bildes der Kümmernis bzw. Unkumer dessen Einbettung in einen großen Heiligenkult mit vielen Facetten zu zeigen.
Es mutet queer und nicht-binär an, was im Nordeuropa (NL, GB, Norddeutschland) besonders von Frauen als Märtyrerin verehrt wurde: Eine gekreuzigte Frau, jesusähnlich.
Sind Nicht-Binarität und Geschlechtszuordnung nur moderne Fragen? Wie wurden sie in der frühen Zeit und mit künstlerischen Mitteln gestellt und gelöst? Spiegelt sich dies in der Gestaltung von Heiligenbildern und-legenden? War der historische Jesus männlich? Zweifellos.
Hat aber der geglaubte Christus, vor aller Zeit existierend und einst wiederkommend in königlicher, richterlicher, hohenpriesterlichen Funktion usw. überhaupt Geschlechtsattribute?
Ja/Nein/Vielleicht?
Nichts ist so eindeutig, wie wir es gerne wünschen.
Zum Aneignen und Verstehen brauchen wir Toleranz für Mehrdeutiges, ja Paradoxes (Ambiguitätstoleranz).
Worum es geht ist eine Märtyrerin, eine nicht anerkannte Heilige mit einem Gewirr und Gewebe von Namen: Unkumer, Ontkomer, Uncumber, St. Wilgefortis, Liberata Kümmernis u.a.- sie steht für ein Bündel von zusammen gewachsenen Andachtstraditionen.
Für ihre Verehrer war der Ursprung der Legende möglicherweise nebensächlich, wenn es um Trost durch die Heilige ging. Dafür waren vor allem ihr Gesicht mit dem Bart wichtig.
Als St. Wilgefortis gibt es sie in London (in Westminster-Chapel Henry VII.) in ehem Österreich, heute Ukraine im Trinitarier-Kloster von Beresteczko, 1743), ebenso auch auf der Iberischen Halbinsel, wo sie Liberata heisst.
Im Gegensatz zu den vielen Bilder und Statuen von ihr gibt es nur sehr wenige Texte dazu. In Nordostdeutschland fehlen sogar ihre Namen. In Rostock St. Nikolai heisst sie Unkumber. Zum Legendenkreis gehören die Anfertigung und Verehrung eines Kruzifixes und wie es nach Lucca kam, die Erzählung vom Geiger, die portugiesische Königstochter und ihr Gebet, ihr Wunderwirken, die Wallfahrten und die Andachtstraditionen, hier besonders als St. Wilgefortis in England.
Eine Heilige in zwei Gestalten
Das Volto Santo von Lucca
Die Legende sagt, Nikodemus, Pharisäer und zugleich ein Jünger Jesu, habe das Antlitz (Volto Santo) mithilfe eines Engels geschnitzt. Die hölzerne Skulptur ist langhaarig und bärtig, der schmale Kopf nach rechts geneigt, die Haltung majestätisch. Es ist voll innerer Spannung, sie steht oder besser schwebt vor dem Kreuz im Weltkreis. Christus ist hier der Dominator aus Liebe, der wiederkommt zum Gericht. Jedes Detail an ihr ist voller Bedeutung:
Ihre Augen aus Glas stehen für die ewige Wachheit und die Auferstehung. Ein goldener Doppelstrick (Cingulum) symbolisiert das priesterliche Amt. Die Figur trägt nur unauffällige Leidensmale. Sie trägt eine Tunika, deren Falten streng dem Körperumriss folgen. Die Restaurierungsarbeiten 2026 haben die ursprüngliche Farbgebung der Tunika in Dunkelblau wieder zum Vorschein gebracht. 1098 werden Christusreliquien in einer Höhlung am Hinterkopf erwähnt: ein Stück der Dornenkrone, ein Nagel vom Kreuz und eine kleine Ampulle mit dem Blut Jesu. Die neueste Restaurierung hat die Entstehungszeit um das Jahr 860 bestätigt.
742 wird erstmalig legendenartig erwähnt, dass ein Bildnis aus Palästina über das Wasser nach Lucca kam. Wegen seiner Wundertätigkeit und weil es einst in die Stadt gezogen wurde, fanden bald Wallfahrten statt. Möglicherweise wurde es zwischenzeitlich auch erneuert. Sie wurde nur zu wenigen Gelegenheiten ausgestellt. Auswärtige Pilger dürften die Skulptur einst nur in ihrer Prozessions-form kennengelernt haben.
Das Volto-Santo der Prozession:
Die Merkmale des endzeitlichen Königs, Hohenpriesters und Richters, des Dominus Christus venturus et triumphans, werden nun verstärkt.
Statt einer Dornenkrone trägt sie eine Tiara als königliche Krone.
Ihr Hals wird mit einem großzügigen Schmuck umkleidet. Vor dem Leib hat sie eine Art priesterlichen Brustlatz. Der Rock, über und über mit Gold und Silber gewirkt, steht ebenfalls für das endzeitliche Königtum. Kein Spur von Leiden.
Dieser feine Unterschied ging beim Transfer nach Nordeuropa verloren oder wurde durch andere Überlieferungsstränge verdrängt.
Dieses Vorbild, das Volto Santo, wurde der Kleidung wegen jetzt weiblich gelesen. Eine bärtige Frau am Kreuz, die mit der Wilgefortis-Erzählung zusammenkam, der Königstochter aus Portugal.
Der sechsteilige Bildzyklus in St. Nikolai Rostock
Im Band I der Kunst- und Geschichtsdenkmale Mecklenburgs (1896) widmet Friedrich Schlie den Bildern der Legende viel Raum. In Rostock sind noch zwei restaurierte Wandgemälde von ehemals 6 vorhanden, die deren mehrdeutige Geschichte erzählen. Nach Schlie hat die Restaurierung 1893 vier Bilder vernichtet. Auf ihnen war die Vorgeschichte des Bildes von Lucca dargestellt.
1. Ein heimkehrender Jude in Cordoba findet das Kreuz in seinem Hause vor. Er schmückt es, betet es an. Wohlstand folgt.
2. Das Kreuz wird entdeckt. Er wird zur Strafe auf dieses Kreuz gebunden und ins Meer geworfen. Es trägt ihn. Christus hat ihn in Lucca (in Welschland/ Walland) anlanden lassen,
3. Das Kreuz wurde feierlich eingeholt. Ochsen sollen es nach Pisa ziehen, kommen aber nicht voran, denn das Kreuz will nach Lucca.
4. Es kommt in den Dom zu Lucca.
Bilder 1-4 sind verloren! Überdauert haben diese beiden Bilder:
5. Das Bildnis von Lucca (beschriftet als "dat Cruce in Walland"-Welschland) nimmt grossen Raum Wand ein. Im Bild wird die Spielmann-Legende gezeigt: Ein armer Geiger in Lucca spielt so lange vor dem Bildnis, bis dieses einen goldenen Schuh fallen lässt. Überglücklich will der Geiger den Schuh verkaufen, er wird aber als Dieb angeklagt. Das Todesurteil kann nicht vollstreckt werden, weil das Schwert/Beil in der Luft stehen bleibt. Dieses Bild ist im Krieg schwer zerstört worden. Hier eine Aufnahme von ca. 1890.
6.(Nordwand, linker Bildteil ) Der Geiger darf erneut aufspielen. Der König kommt mit vier Räten zum Bildnis (als "Sta. Unkumer" beschriftet). Der Geiger wird rehabilitiert, als die Statue auch den zweiten Schuh fallen lässt.
Dieser große Bilder-Zyklus weist im Kern auf die Macht des Kreuzes hin.
Es kommt aber neben dem Spielmann hinzu die Legende von Wilgefortis. Die Königstochter aus Portugal soll den König von Sizilien heiraten, will aber nur Christus gehören. Sie betet um abschreckende männliche Körpermerkmale. Es wächst ihr ein Bart. Erbost verurteilt der Vater sie zum Tod am Kreuz analog dem ihres Herrn. Sie stirbt, wird in einer Kirche begraben. Ihrem Bildnis spielt ein Spielmann auf. Sie bewirkt Wunder. Sie ist bald die Patronin für Augen und Haarwuchs bei Unfruchtbarkeit. Das ist aber nicht alles.
Wegen der weiblichen Attribute, der Gewandung, vor allem aber wegen ihres Schicksals wird sie Fürsprecherin von Frauen, die unter und in ihrer Ehe leiden.
Ihr Name ist Programm und wird doppelt hergeleitet:
Erstens von lateinisch Virgo Fortis, ("Jungfrau der Kraft").
Eine andere Herleitung aus "Hilge Vratz" (mittelhochdeutsch für "Heiliges Antlitz") scheint mir sehr glaubhaft. Das ist aber nicht von mir zu entscheiden.
Wer hat Wilgefortis verehrt?
Der Vielzahl der Darstellungen der Wilgefortis steht das Schweigen der Texte gegenüber. Daher ist Vorsicht geboten.
Hier kommen wenigstens zwei Gruppen von Gläubigen infrage, ohne daß die Aufzählung damit vollständig sein soll:
1. Frauen, die zwangsweise verheiratet oder unglücklich waren wegen Grobheiten, Unterwerfungsversuchen, Entwürdigung durch ihr Männer. Wilgefortis war für sie einfach eine gute Adresse, sich auszuklagen, zu kontemplieren, Kraft für den Alltag zu schöpfen oder Auswege zu suchen. Aus welchen Schichten der Bevölkerung kommen sie? Skoda erwähnt ein prunkvolles Gebetbuch (Stundenbuch) der adeligen Maria von Burgund in welchem die St. Wilgefortis angebetet wird. Doch auch bäuerliche Frauen beten zu ihr. In einem fiktiven Gespräch macht sich Sir Thomas Morus über den Wilgefortis-Kult lustig. Er sagt, Frauen brächten eine Handvoll Haferkörner (Peck of Oates) für die Heilige, damit sie Fürsprecherin in ihrer Sache wird. Es gab auch die Erwartung an Wilgefortis, die Heilige möge das physische Ende des Ehemannes bewirken oder zumindest zu fördern. Die Bezeichnungen Uncumber (engl.) oder Ontkomer (ndl.) meinen ein Ende der Lasten, eine Befreiung vom Kummer, ein "Entkümmern". Die spanische Bezeichnung Liberata ist noch deutlicher als das verwaschene deutsche Wort "Kümmernis" .
Wie half Wilgefortis?
Nicht allein durch Duldsamkeit wie bei Griselda oder Monica. "Frauen beschwerten sich, verlangten Wiedergutmachung, sie suchten praktische Hilfe und spirituellen Trost von einer Heiligen. Am Wichtigsten aber: diese gaben ihrem Unglück eine Stimme". Wilgefortis gab Ruhe und Trost und ermöglichte so den Frauen, konstruktive Lösungen zu finden angesichts harter Strafen, wenn sie den Ehemann verließen.
2. Eine zweite Gruppe Andächtiger kommt dazu. Sie orientieren sich am Doppelcharakter der Wilgefortis. Sie ist keine "Heilige im Übergang" vom Mann zur Frau, sondern eine nicht-binäre Person und somit anschlussfähig für alle, die dies auch sind oder sein wollen. Es gab sie schon immer: Menschen, die schon aufgrund körperlicher Gegebenheiten weder/noch sind oder die unter den einengenden binären Zuschreibungen so sehr leiden, dass sie sich den Etiketten verweigern wollen und müssen. Wilgefortis bot den daran Leidenden einen Raum, eine Rechtfertigung und Sicherheit.
Entsprang die Entstehung einem dokumentierten Bedürfnis von Frömmigkeit?
Sträubt sich das Christusbild gegen zu große Eindeutigkeit und stellt daher widersprüchliche Bilder auf? Sind das Versuche, Christus weiblich zu denken? Es gibt einige Versuche in der Kunst, solche Doppeldeutigkeit des Geschlecht anzudeuten.
Wer ist diese nordeuropäische Märtyrerin mit den vielen Namen?
Sie schafft Theologen, Frömmigkeitsforschern und Kunstwissenschaftlern große Verlegenheit, obwohl ihr der Heiligenstatus längst genommen ist und sie insgesamt ein Ergebnis gelebter Frömmigkeit nur vom 12. bis zum 19. Jh. war.
Wer mögen nun die Träger/innen der verbreiteten Verehrung der St. Unkumer/Ontkomer/Uncumber/Liberata/Wilgefortis oder St. Kümmernis gewesen sein? Im Rostock des 15. Jh.?
"Auf erfreuliche, klare und transparente Art"so Hanna Skoda ist Wilgefortis eine besondere Heilige. "Sie bietet eine gefeierte Figur nicht-binärer Identität; eine, die je nach Zeit, Ort und Darstellung wechselt, aber welche nicht in gleicher Weise die Gender-Binaritäten zerbricht wie sie jenseits derselben auf inspirierende expansive Weise agiert".
Quellen:
Friesen, Ilse E.: The Female Crucifix: Images of St. Wilgefortis since the Middle Ages. Wilfrid Laurier University Press .Waterloo/Ontario Canada 2001
Röpcke, Andreas: Zweimal Hulpe. Untersuchungen zu einer niederdeutschen Kultfigur des Spätmittelalters
in: Mecklenburg. Jahrbücher Nr. 128. Schwerin 2013. S.7ff. nachhttp://purl.uni-rostock.de/rosdok/id00002837
Schäfer, Joachim - Ökumenisches Heiligenlexikon. Abo abgerufen 5.10.26. 20:35Uhr
Schlie, Friedrich (Bearb.): Die Kunst-und Geschichts-Denkmäler des Großherzogthums Mecklenburg-Schwerin....I.Band Rostock etc.
Schwerin i.M. 1896 S. 155ff.
Skoda, Hannah: St Wilgefortis and her/their beard. The devotions of unhappy wives and non-binary people. In: History Workshop Journal 2023 S.1ff. https:/doi.org/10.1093/hwj/dbad005 abgerufen 5.10.26 20:44 Uhr
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